Das Albumcover "Only God Was Above Us" von Vampire Weekend zeigt einen Mann in der U-Bahn, der eine Zeitung mit dem Titel "Only God Was Above Us" liest. Weiter hinten steht ein Mann seitwärts in der U-Bahn.

Album der Woche

Vampire Weekend mit „Only God Was Above Us“

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Only God was above us – Nur Gott war noch über uns. Das ist der plakative Titel von Vampire Weekend’s neuem Album. Ihre fünfte Platte ist ähnlich zum bisherigen Sound und doch ganz anders. Die Band wählt für die neuen Töne einen melancholischeren Blick auf Welt. Die Texte handeln von der Last der vergehenden Zeit, kombiniert mit schnellen Arrangements.

Das Cover

Der Titel der Platte ist vom Albumcover übernommen. Das Bild zeigt einen Mann, der in einer umgestürzten U-Bahn sitzt und Zeitung liest. Weiter hinten steht eine andere Person auf der Wand der Bahn. Die Titelstory trägt die Überschrift „ONLY GOD WAS ABOVE US“. Es ist ein Zitat eines Flugzeugpassagiers aus den 1980ern. Frontmann Ezra Koenig über das Albumcover:

„Ich bin einfach diesem Bild im Internet begegnet und habe immer einen Ordner mit Bildern, die ich interessant finde. Das war eins, das mich immer wieder fasziniert hat. Es gibt so, so viele Bilder vom New York der 1980er von Graffiti und der Subway, aber nicht mit diesem Hauch von Surrealismus wie dieses Foto ihn hat. Weil alle Waggons der U-Bahn umgekippt waren und sie sind draußen in diesem Subway-Schrottplatz. Ich glaube, was mich an dem Bild so fasziniert, ist die Kombination aus Düsternis von New York der 1980er. Und dann hat es diesen Surrealismus mit dem Typen, der da seitwärts sitzt in der offenen Tür, während die Sonne auf ihn scheint.

Als ich dieses Bild gesehen habe, meinte ich zu den anderen: Das sieht aus wie Pink Floyd gekreuzt mit den Beasty Boys und das ist, wohin Vampire Weekend hin sollte. Wissen Sie, manchmal braucht man einfach diese kleinen Phrasen, um Inspiration zu finden. Das hat sich ziemlich gut als Motto für Vampire Weekends fünftes Album angefühlt. Ob es wirklich so klingt oder nicht, weiß ich nicht.“

– Ezra Koenig im Interview

Gen X Cops

„Gen X Cops“ ist einer der wenigen in Moll geschrieben Songs der modernen Musik. In „Hudson“ schaute sich Koenig Straßennamen und Ortsschilder an und beschrieb den immensen Einfluss, den frühere Generationen haben. In „Gen X Cops“ erkennt er an, dass er nun wohl zu den alten gehört. “Each generation makes its own apology“, jede Generation hat ihre eigene Entschuldigung, singt er. Vielleicht porträtiert diese Veränderung der Perspektive das Altern der Bandmitglieder selbst: Statt aus den Augen junger Idealisten die Welt kritisch zu betrachten, haben sie anerkannt, dass sie ein Teil der Welt sind, und sie hadern mit ihrem Platz darin.

„Gen X Cops“ ist ein Gespräch mit wem auch immer, der da oben über uns wacht, über die Fehler, die man in einem langem Leben so macht und oft erst später erkennt.

Capricorn

Der Song „Capricorn“ lullt die Hörer*innen mit geschmeidigem Gesang ein. Die Grundatmosphäre ist friedvoll und verträglich. Sie erzeugt mit verträumtem Piano und teilweise schrägen, verzerrten Tönen einen überirdischen, utopischen Sound – so, als wäre man in einer besseren, sorgenlosen Traumwelt gelandet. Der Song fesselt mit einem sanften, aber aufbauenden Text und honigweichen Melodien.

Mir dem Lied kommt auch ein neues Musikvideo. Es zeigt viele Ausschnitte aus völlig verschiedenen Lebensrealitäten in New York – von reich bis arm und alles dazwischen. Es wurde von Nick Harwood gedreht. Er ist der langjährige kreative Kopf hinter den Videos von Vampire Weekend. Er schafft es auf einzigartige Weise, die Essenz des New Yorks der späten 80er festzuhalten. Passend zum Albumtitel.

Prep School Gangsters

„Prep School Gangsters“ ist einer der eindeutig komplexesten Songs von Vampire Weekend. Wer denkt, den Song verstanden zu haben, wird von südafrikanischen Rhythmen und einem Streicherstakkato überrascht. Die luftig-leichte Atmosphäre des Arrangements trägt einen überraschend gesellschaftskritischen Text. „Prep School Gangsters“ ist benannt nach einer Geschichte aus dem New York Magazine von Nancy Jo Sales. Darin wird das kuriose Phänomen beschrieben, dass sich reiche Teenager in den 90ern Gangs anschlossen und den Ghetto-Lifestyle adoptierten. Der Song hinterlässt die Hörer*innen mit der Frage, ob nicht doch mehr gemeint ist. Vielleicht geht es eben nicht um Teenager in New York, sondern um den großen Klassenkonflikt zwischen Arm und Reich?

Classical

Auch „Classical“ lebt von scheinbaren Gegensätzen. Während der Song Rhythmus-Brüche aus dem Freejazz Chicagos der späten 60er inkorporiert, singt Frontmann Ezra Koenig über Krieg, Frieden und verlassenen Tempelruinen. Zwischen der repetitiven und leicht quietschigen Gitarre und dem wilden Saxophon-Solo, bezeichnet er Geschichte als blassen Sonnenaufgang. Am Ende fällt das Stück einfach auseinander. Völlig gewollt.

„Als Künstler habe ich schon immer Kontrast geliebt. Das eine vermischt mit dem anderen. Aber ich denke, Teil davon, Kontraste und Widersprüche zu lieben, ist auch am Ende die Suche nach der Verbindung. Gibt es christliche Motive bei Black Sabbath oder ist das ein Widerspruch? Es ist nicht wirklich ein Widerspruch, sondern eigentlich gibt es eine tiefe Verbindung. Weil auch ich einfach so ein Musikfan bin, suche auch ich nach diesen Verbindungen. Oder auch The Smiths, sie haben so viele Songs mit gutgelaunter Melodie und dann aber dunkle Texte dazu. Und irgendwann realisiert man, The Smiths oder Black Sabbath, da sind keine Gegensätze. Was beide Bands machen, ist, akkurat zu spiegeln, wie sich das Leben anfühlt.“

– Ezra Koenig im Interview

Hope

„Hope“ bildet den den letzten Song der Vampire Weekend-Platte. Hoffnung, also „Hope“, ist ein großes Thema. Ezra Koenig verarbeitet im Text seine Auffassung von sich verändernder Auffassung von Hoffnung: 

„Ultimativ ist ‚Hope‘ ein hoffnungsvolles Lied, aber vielleicht ist eine ältere, reifere Art von Hoffnung. Weil es gibt die Art von Hoffnung, bei der man hofft, alles geht so, wie man sich das vorstellt. Eine sehr jugendliche Version zu hoffen. Und natürlich war das auch meine Art zu hoffen, als ich jünger war.

Und dann gibt es die tiefere Art von Hoffnung: Ich hoffe, ich habe die Fähigkeit, das loszulassen, was ich möchte. Das entspricht der Art von Hoffnung, die ältere Menschen haben. Zumindest die älteren Menschen, die ihr Leben im Griff haben. Sie haben verstanden, das ist das, was man kontrollieren kann. Also so viel Trostlosigkeit es auch im Song ‚Hope‘ auch gibt, es ist letztendlich die Schönheit, die darin liegt loszulassen, sich zu ergeben.“

– Ezra Koenig im Interview

Das Album mit dem ikonischen Cover gibt es ganz im Stil New Yorks der 1980er natürlich auch auf Vinyl.

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Autorin: Riccarda Rascher